Zitat
Wien - Als Schiedsrichter hat man es nicht immer leicht.
Genau genommen, hat man es eigentlich nie leicht.
Denn die Unparteiischen sind zumeist die Buhmänner.
"Ich habe noch nie erlebt, dass ein Schiedsrichter nach einer guten Leistung zum Interview gebeten wurde. Wir müssen immer nur dann herhalten, wenn es etwas zu kritisieren oder negativ zu berichten gibt", klagt auch Konrad Plautz im Gespräch mit LAOLA1.
Der internationale Top-Referee hat zwar so wie seine Kollegen eine dicke Haut. Aber was zu viel ist, ist zuviel.
Im großen Interview spricht der 44-Jährige auch über seine Highlights des Jahres und die Machtlosigkeit der Schiris.
Außerdem sagt er, was ihn ärgert und er sich wünscht.
LAOLA1: Herr Plautz, das Fußball-Jahr ist schon beendet, das Jahr 2008 fast. Wie gut tut diese Pause?
Konrad Plautz: Zum ersten Mal seit Jahren sehne ich mich nach einer Pause. Ich hatte im Sommer aufgrund der EURO wenig frei. In Summe trainierte ich seit Jänner durch. Von den 365 Tagen des Jahres verbrachte ich rund 300 mit Training.
LAOLA1: Sie spüren dieses Jahr demnach schon sehr?
Plautz: Ja. Ich war am Ende der Herbstsaison nach jedem Spiel sehr müde und ausgelaugt. Ich bin ja nebenbei noch berufstätig. Deshalb zerrt das noch mehr an der Substanz.
LAOLA1: Ziehen Sie als Schiedsrichter eine Jahresbilanz?
Plautz: Auf alle Fälle. Jeder Schiedsrichter zieht Bilanz. Man zieht einen Strich unter die ganzen Beobachtungen. Sowohl national, als auch international. Für mich persönlich war es ein sehr positives Jahr.
LAOLA1: Gibt es Spiele, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Plautz: Natürlich. Die Europameisterschaft war für mich das Highlight. Vor allem, da ich ein Spiel in meiner Heimat Tirol pfeifen durfte. Außerdem erinnere ich mich gerne an das CL-Halbfinale zwischen Liverpool und Chelsea zurück. So ein Schlager muss einfach in Erinnerung bleiben.
LAOLA1: Ist Ihnen national auch ein Spiel hängen geblieben?
Plautz: Ja, das Spiel Rapid gegen Mattersburg. Bei so einem Spiel bist du als Schiedsrichter machtlos. Es gab so viele Verletzungsvortäuschungen.
LAOLA1: Die Schiedsrichter standen in dieser Saison generell sehr im Mittelpunkt. Warum?
Plautz: Weil wir das schwächste Glied sind. Wir setzen uns auch zu wenig zur Wehr. Außerdem sind wir es schon gewohnt, dass wir beschimpft werden. Trainer und Funktionäre lassen an uns den Frust ab. Dabei geben wir so wie jeder andere auf dem Feld unser Bestes.
LAOLA1: Haben Sie und ihre Kollegen so eine dicke Haut, dass Ihnen das völlig egal ist?
Plautz: Wenn einer sagen würde, dass das spurlos an einem vorbeigeht, wäre das gelogen. Das ein oder andere bleibt hängen und geht unter die Haut. Man ärgert sich natürlich, da jeder versucht, sein Bestes zu geben. Dass das nicht immer gelingt, ist auch logisch. Aber keiner von uns will der Buhmann der Nation sein.
LAOLA1: Sie wirken verärgert?
Plautz: Weil sich viele Leute anmaßen, die Schiedsrichter-Leistung beurteilen oder verstehen zu wollen. Wir maßen uns auch nicht an, über Aufstellung oder Taktik zu urteilen. Wir verstehen zwar was davon, mischen uns aber in diese Angelegenheiten nicht ein.
LAOLA1: Sie sind schon lange dabei und einer der besten Schiedsrichter der Welt. Hat sich in den letzten zehn Jahren irgendetwas verändert?
Plautz: Der Fußball hat sich natürlich gravierend verändert. Es wird athletischer und kampfbetonter gespielt. Früher war der Stil gemäßigter. Heute musst du von der ersten Sekunde an wachsam sein, damit dir das Spiel nicht entgleitet. Der Respekt war früher aber auch nicht anders als heutzutage.
LAOLA1: Gibt es Unterschiede zu nationalen und internationalen Partien?
Plautz: International haben die Spieler mehr Respekt. Das liegt aber auch daran, dass man die Mannschaften nicht so oft pfeift. Bei uns hast du die Teams fünf, sechs Mal pro Saison. Da stumpft sich der Respekt zwangsläufig ab. So weit der Schiedsrichter gehen lässt, so weit gehen die Spieler dann auch.
LAOLA1: Die weitläufige Meinung ist, dass international anders gepfiffen wird. Stimmen Sie dem zu?
Plautz: Primär wird international mal anders gespielt. Es wird humaner und sachter gespielt. Da gibt es viel mehr schöne Spielzüge, da wird nicht gleich hingeklopft. Aber wir Schiedsrichter gehen mit der gleichen Einstellung in die Spiele. National muss man einfach mehr pfeifen.
LAOLA1: Kann man als Schiedsrichter nur verlieren?
Plautz: Ich habe noch nie erlebt, dass ein Schiedsrichter nach einer guten Leistung zum Interview gebeten wurde. Wir müssen immer nur dann herhalten, wenn es etwas zu kritisieren oder negativ zu berichten gibt.
LAOLA1: Ist dieser Umstand nicht deprimierend?
Plautz: Natürlich würde wir uns wünschen, dass die breite Bevölkerung auch mal die positiven Seiten der Schiedsrichter mitbekommen würde. Jeder muss begreifen, dass wir Profis sind. Das ist natürlich auch Aufgabe der Medien.
LAOLA1: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, es würde „Heim-Schiris“ geben?
Plautz: Es wird immer den Vorwurf geben, dass man mehr für eine Mannschaft pfeift. Egal ob für die Heim- oder Auswärtsmannschaft. Das ist allerdings eine subjektive Ansicht. Ich glaube nicht, dass ein Schiedsrichter in ein Spiel geht und sagt: „So, heute bevorzuge ich das Heimteam.“ Heim-Tendenzen würden auch im Beobachtungsbericht vermerkt werden. Ich habe rund 800 Beobachtungsberichte und noch nie stand „Heimtendenz“ drinnen.
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